In Teil zwei wird der Seitensprung in der Literatur behandelt, allerdings in der nicht juristischen.
Teil 2: Der Seitensprung in der Literatur
Sexuelle Untreue gehört zu den ältesten menschlichen Verhaltensweisen. Sie ist viel beschrieben in der Weltliteratur – Effi Briest – aber auch in Ratgebern, in denen Hilfe angeboten wird, wie man sie erkennt, vermeidet oder überlebt.
Ehebruch im Islam wird mit Auspeitschen, Steinigung und Tod bestraft. Ehebruch in Deutschland ist erst seit 1969 nicht mehr strafbar und seit der großen Scheidungsreform 1977 auch kein Scheidungsgrund mehr mit wenigen Ausnahmen. In Teil eins des Artikels auf dieser Webseite ist dargelegt, dass der Seitensprung juristische Konsequenzen haben kann – vorrangig im Unterhaltsrecht.
Die juristische Beschäftigung mit dem Seitensprung ist die eine, die andere Seite betrifft die emotionale Situation, den Schmerz der Betrogenen, der in Wut und Hass umschlagen kann, die Verwirrung, weil Untreue den moralischen Kompass durcheinanderbringt, die Angst, weil der Schaden in der Familie und dem Freundeskreis nicht mehr repariert werden kann, und nicht nur der Betrogene, oft auch die Kinder am Boden zerstört sind.
Nachdem ich Sie unterrichtet habe, welche Lösungen die Juristerei anbietet und auch nur anbieten kann, werbe ich heute – mal wieder – dafür, nicht-juristisch Literatur zu lesen.
Lesen ist Freizeitbeschäftigung, ist Leidenschaft, es ist ein Blick auf die Welt außen und auf die Welt in uns selbst. Ein guter Roman kann bewirken, dass wir unsere festgefügte Meinung ändern, Alternativen für möglich halten oder sich sogar Lösungen, oder sagen wir Entwicklungen ergeben, an die wir bislang nicht gedacht haben.
Literatur wird die zahlreichen rechtlichen Probleme in der Familie nicht lösen, aber sicherlich unser Verständnis hierfür vertiefen. Das gilt für die Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sowie die Mandantinnen und Mandanten. Auch der Literaturkritiker Scheck schreibt im Focus (Heft 42), lesen trainiere die Empathie.
Wir wissen nur zu gut, wie heftige Gefühle allzu zu oft, vernünftigen Lösungen im Wege stehen. Rache bestimmt das Handeln, soll die Verletzung verkleinern, so zumindest die Hoffnung. Was nutzt es da, wenn die Rechtsanwältin die Nachteile bei bestimmten juristischen Schritten aufweist und darlegt, wie wenig gewonnen werden kann. Wir Professionellen wollen uns nicht als „Mietmaul“ einspannen lassen, aber was tun, wenn sich die Mandantin nicht mehr gut verstanden und vertreten fühlt.
Kurzum, Ehebruch und Seitensprung in der anwaltlichen Beratung schaffen Probleme bei den Betroffenen und bei den Anwältinnen und Anwälten. Wir „Profis“ sollen dafür sorgen, dass die Treulose null Unterhalt bekommt. Oder der rasende Ehemann verkauft der Ehebrecherin nicht seine Haushälfte, weil der Nebenbuhler sich nicht in seinem Bett mit der Treulosen vergnügen soll. Ökonomisch vernünftige Lösungen werden torpediert, die Mahnung, dass man es bereuen wird, wenn man den langwierigen und kostspieligen Klageweg einschlägt, verhallt ungehört.
I. Welchen Nutzen hat es dann, wenn ich Ihnen den Roman von Dirk Gieselmann „Zeit ihres Lebens“ (2025) empfehle?
Es ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe zwischen der alleinstehenden Lehrerin Frieda und dem verheirateten Handelsvertreter Georg. Es sind zwei Menschen auf der „anderen Seite“, sie betrügen, hintergehen und könnten durch ihr Liebesverhältnis eine intakte Ehe ins Chaos stürzen. Nur ist die Ehe intakt? Mit der Frage müssen sich auch Richterinnen und Richter befassen.
Von Georg erfahren wir, dass er Frau und Sohn nur am Wochenende sieht, beide sind ihm seltsam fremd, als wäre er zu Gast bei ihnen. Er ist ein Mann auf steter Durchreise, „…ein Vertreter seiner selbst, der nirgends so recht ankam, nicht einmal in seinem Eigenheim, am Ort, der sein zuhause sein sollte (S.17/18). Er ist kaum empfänglich für ein tieferes Gefühl, durch nichts mehr zu erwärmen und von niemandem verwundbar. Gleichwohl sehnt er sich nach Wärme (S.19).
Und was ist mit Frieda? „Sie war nicht glücklich, aber sie hielt es immer noch für möglich, es zu werden, eines Tages“. (S. 24). Verliebt war sie nur einmal mit 18 Jahren. Niemandem hatte sie damals ihre Liebe gestanden. Seitdem träume sie nur von der Liebe. Sie lebt allein, ist zufrieden mit ihrem zuhause und mit ihren Kindern, die sie in der Schule unterrichtet.
Erstmalig begegnen sich Frieda und Georg an der Haltestelle. Es regnet, sie hat verschlafen und ihren Schirm vergessen. Sein Auto spring nicht an, als er zu seinem Kunden in der Stadt fahren will. Einen Schirm hat er mitgenommen. Er geht zu ihr, damit sie sich unter seinen Schirm stellen kann. Sie trennen sich, als der Bus von Frieda kommt, ohne ihre Telefonnummern ausgetauscht zu haben. Georg sucht Frieda, die er schließlich nach Monaten findet.
Und dann leben sie ihre Liebe, genau vier Mal im Jahr, wenn Georg in Friedas Stadt als Vertreter arbeitet. Ihre Liebe soll unerkannt bleiben, so der Wunsch von Frieda, dem sich Georg anschließt, denn er fürchtet die Verwerfungen einer Scheidung. Wir begleiten das Paar über die Jahrzehnte hinweg bis zu dem Tag, als sie sich das letzte Mal sehen.
Warum dieses Buch lesen?
Es ist, soviel vorneweg, vergnüglich für die eigene Fantasie, auch einmal so zu betrügen wie Georg oder sich so frei zu fühlen wie Frieda. Das Buch ist keine große Literatur, aber es ist auch nicht belanglos. Wir lernen die Probleme einer geheimen Liebe kennen, gerade nicht aus Sicht der betrogenen Ehefrau oder des betrogenen Ehemannes.
Welche Erkenntnis kann man aus so einer Lektüre ziehen?
Als Anwältin ist es wichtig, dass wir Zufriedenheit bei unserer Mandantschaft erreichen. Und da ist es meines Erachtens auch hilfreich, die eigene Partei , wenn der erste große Schmerz und die Empörung verraucht sind, zu fragen, was ihr Mann, was seine Frau denn bewogen haben könnte, fremd zu gehen. Was beiden in der Ehe gefehlt hat, beiden. Und wenn es gut läuft, kann dann für das Verhalten des anderen ein gewisses Verständnis aufgebracht werden.
Ist das aber eine anwaltliche Aufgabe? Ich meine ja, um rationalere Ergebnisse zu erzielen, die langfristig halten und die Dauerlast negativer Gefühle verringern. Das hat mit Händchen halten oder quasi Therapie nichts zu tun. Es ist eine Erweiterung des Blicks auf den eigenen Fall und damit die Chance, eine bessere Lösung zu erzielen.
Das heißt nicht, dass die Anwältin die Ehe die Ehe retten kann, zu groß sind Verrat und Verletzungen und damit unverzeihlich. Aber Verständnis für die andere/den anderen könnte die Wut, Trauer und den Hass verringern und faires Streiten befördern. Gerade wenn Kinder betroffen sind, wird nicht selten zur „Waffe Kind“ gegriffen, um den Partner im Kern zu treffen.
Schuldzuweisungen verhärten die Gefühle, versperren Einsichten, und verringern das Verständnis für die Situation, die meist für alle Beteiligten schwierig ist.
Im Buch zerstört das Liebespaar nicht die Ehe von Georg, sie leben ihre Liebe im Geheimen, schützen lebenslang Ehefrau und Sohn. Aber manche können so nicht leben. Sie halten die Lüge nicht mehr aus, das Doppelleben wird immer belastender. Und manche gestehen die Affaire mit all den Konsequenzen. Sie gehen zur Paartherapie, aber auch zur Anwältin.
II. Ich empfehle ein weiteres nicht juristisches Buch:
Esther Perel „Die Macht der Affaire – Warum wir betrügen und was wir daraus lernen können“ (2019)
Die Autorin ist Psychologin, in Belgien geboren, spricht neun Sprachen, Autorin zahlreicher Bestseller und arbeitet als Paartherapeutin mit eigener Praxis in New York, eine große Expertin. In ihrem Buch untersucht sie die vielen Gesichter des Fremdgehens und die oft verheerenden Auswirkungen des Verrats auf den Einzelnen. Dabei beschreibt sie auch, wie unterschiedlich über Affairen gedacht, geurteilt und gefühlt wird. Grund ist, dass diese eingebettet sind in jeweils unterschiedliche gesellschaftliche, historische und kulturelle Zusammenhänge. Das im Blick zu haben, ist in unserer multi-kulturellen Gesellschaft allein schon hilfreich.
Aber sollte man die Profis oder Betroffene deswegen 374 Seiten lesen, wo wir doch alle gehetzt und überlastet sind? Mandate, in denen es emotional hoch hergeht, sind Zeitfresser. Sie kosten aber nicht nur Zeit und Nerven, sie sind auch teuer und führen oft nicht zu befriedigenden Ergebnissen.
Die Lektüre des Buches hilft uns, den Seitensprung richtig einzuschätzen. So gibt es extreme Fälle von Verrat, in denen die Partnerin böse überrascht wird z.B. von der Existenz zweier Familien, geheimen Schließfächern, leichtfertiger Promiskuität und hohen Zuwendungen an die Geliebte oder den Geliebten. Hier sind wir als Anwält*innen in einer Art Notaufnahme und müssen uns schnell einen Überblick verschaffen, was vorrangig erledigt werden muss. Ist die physische oder psychische Gesundheit der Mandantin in Gefahr, ihr Arbeitsplatz, die Sicherheit der Kinder, der Lebensunterhalt der Familie oder das Vermögen.
Die „normalen Fälle“ sehen anders aus. Eheleute mit gemeinsamer Vergangenheit und gemeinsamen Werten, oft auch Einigkeit über Monogamie, fangen plötzlich eine Affaire an. Hierzu ein Zitat von Perel, über das, was die alltägliche Untreue ausmacht:
„Einsamkeit, Jahre sexueller Frustration, Verbitterung, Enttäuschung, Vernachlässigung in der Ehe, verlorene Jugend, Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, zu viel Alkohol – das ist es, was die alltägliche Untreue ausmacht.“ (S.24)
Auch hier gibt es heftige Emotionen wie moralische Entrüstung, Abscheu und Rache über die Untreue. Auch hier ist es nicht einfach, dem Mandanten klarzumachen, dass es ratsam ist, die Gefühle, die den Verrat betreffen, zu trennen von Vorschlägen, die die Anwältin für die Regelung macht. Dies ist aber notwendig, wenn langfristig gute Ergebnisse erzielt werden sollen, die zur Beruhigung und Zufriedenheit beitragen.
Also, auch wenn diese Literatur keine juristischen Informationen gibt, ist sie dennoch lesenswert.